No-Billag Initiative: Harte Zeiten für den medialen OL

Die No-Billag-Initiative ist das prägende politische Thema dieser Tage. Bei einem Ja zu No-Billag hätte das auch Auswirkungen auf den OL-Sport insbesondere bei Live-Übertragungen von Grossanlässen wie den OL-Weltcup-Final oder die OL EM im Tessin.

Die No-Billag Initiative sorgt in der Schweizer Medienlandschaft seit ihrer Lancierung für angeregte
Debatten. Seit kurzem finden die Diskussionen aber nicht nur rein auf politischer Ebene statt, sondern
beschäftigen auch die Schweizer Sportlandschaft. Ausschlagend für das Aktivwerden der Sportwelt war
die Swiss Olympic Association, die sich in politischen Fragen sonst eher zurückhält. Als Dachverband
der 86 Schweizer Sportverbände äussert sie sich erstmals negativ über die Initiative und kritisiert die
Auswirkungen für den Schweizer Sport.


Um was geht es?

Die eidgenössische Volksinitiative «Ja zur Abschaffung der Radio- und Fernsehgebühren (Abschaffung
der Billag-Gebühren)» verlangt die Abschaffung der Empfangsgebühren, die von den Schweizer
Haushalten bezahlt wird. Mit dem neuen Radio- und Fernsehgesetz (RTVG) ab 2019 bezahlen die
Haushalte 365 Franken pro Jahr, bisher waren es 465 Franken. Zu rund 90 Prozent gehen diese
Gebührengelder an die Schweizerische Radio- und Fernsehgesellschaft (SRG), zu deren fünf Prozent an
die 38 lokalen und regional konzessionierten Radio- und Fernsehanstalten. Der Restbeitrag wird für
verschiedene Zwecke verwendet, hauptsächlich aber für die Forschung und Verwaltung. Die Beiträge
schaffen ein tägliches und von einzelnen gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und politischen
Gruppierungen unabhängiges Programmangebot in sämtlichen Sprachregionen des Landes.

Bei einer Annahme der Initiative wären die SRG und die privaten Radio- und Fernsehanstalten in ihrer
Existenz bedroht und könnten dem Service-Public-Auftrag nicht mehr nachkommen. Bezüglich der SRG
streiten sich Gegner und Befürworter der Initiative, ob und wie die SRG mit ihrer Tochtergesellschaft
TPC und den davon abhängigen Drittunternehmen noch funktionieren könnte. Nach Eigenaussage der
SRG ist die Situation aber deutlich: Es erfolgt beim Wegfallen der Gebührengelder, die drei Viertel der
Einnahmen der SRG ausmachen, ein geordneter Rückzug. Bei den privaten Radio- und
Fernsehanstalten machen die Gebühren ebenfalls einen Grossteil der Einnahmen aus. Laut
Eigenaussage des Verbands der Schweizer Regionalfernsehen Telesuisse würde der Wegfall der Gelder
bei einem überwiegenden Teil der Sender zum Sendeschluss führen. Die Billag-Gelder bilden daher die
finanzielle Grundlage für das gesamte Radio und Fernsehangebot in der Schweiz.


Medialer OL ohne SRF?

Die Unternehmenseinheit SRF, als Teil der SRG SSR, ist heute das grösste elektronische Medienhaus
der Deutschschweiz. Als Marktleader im Bereich Sportberichterstattung sendet SRF regelmässig mehr
als 60 verschiedene Sportarten. Das Sportangebot der SRG ist dabei ein wichtiger Bestandteil des
Service-Public-Auftrags und hat das Ziel einer vielfältigen Sportberichterstattung. SRF verwendet ein
Drei-Säulen-Konzept für die Sportprogrammplanung: Erstens Berichte über erfolgreiche Schweizer
Sportlerinnen und Sportler mit den entsprechenden Live-Events, zweitens grosse Sportereignisse in
der Schweiz, wie zum Beispiel die Lauberhornrennen und drittens internationale Top-Events wie die
Olympischen Spiele.

Der OL-Sport profitiert dabei von den Berichterstattungen der Säulen 1 und 2. Feiern unsere
Eliteathletinnen und -athleten internationale Erfolge an Welt- oder Europameisterschaften, berichtet
SRF über deren Leistungen. Bei der Säule 2 gehört mittlerweile der OL-Weltcup-Final in das Live-TV
Angebot, wobei die Bildrechte durch SRF eingekauft werden. In diesem Frühjahr amtet die SRG zudem
als Host Broadcaster an der OL-EM im Tessin, wobei die SRG die Produktion leitet und zwei Drittel des
finanziellen Aufwandes trägt. Diese Entwicklung ist vor allem den guten Wettkampfleistungen der
Schweizer Orientierungsläufer sowie der steigenden Qualität der Live-TV-Übertragungen im OL-Sport
zu verdanken. Diese Qualität konnte nicht zuletzt dank der Mithilfe von SRF und TPC über die
vergangenen Jahre von nationalen zu internationalen Standards angehoben werden und ist nur ein
weiterer Grund, wieso SRF und damit die SRG ein wertvoller Sportförderer ist. Würde die SRG als
Medienplayer auf Ende dieses Jahres aufgrund der fehlenden Gebühren ausscheiden, geht diese
Berichterstattung verloren.


Übernehmen die privaten Sender?

Nach den Befürwortern der No-Billag-Initiative würde bei einer Abschaffung der Gebühren ein freier,
fairer Wettbewerb um die Gunst der Kunden entstehen. Ein Wettbewerb führe laut den Initianten
tendenziell zu einem besseren, vielfältigeren und günstigeren Angebot. Gerade aber im Bereich der
Randsportarten wie Orientierungslauf mag diese Argumentation aber nicht zu überzeugen, denn die
Nachfrage regelt das Angebot. Der Schweizer Medienmarkt ist im Vergleich relativ klein und wird durch
die Mehrsprachigkeit noch weiter eingeschränkt. Ausserdem hat er schon heute einen ausländischen
Marktanteil von 60 bis 80 Prozent. Wie genau sich der TV-Markt bei einem Ja zu No-Billag entwickeln
würde, ist reine Spekulation. Fest steht aber, dass der OL-Sport, und auch viele andere Randsportarten,
sich hier nichts vormachen müssen. Die Bereitschaft beispielsweise via Pay-TV für eine OL-Übertragung
zu bezahlen, ist in der breiten Öffentlichkeit nicht vorhanden. OL-Übertragungen haben bisher gute
Einschaltquoten erzielen können, aber gegen die grossen Premium-Sportarten wie Fussball, Tennis
oder Ski Alpin anzukämpfen, ist illusorisch. Durch die fehlende Nachfrage besteht auf dem freien Markt
kein Interesse, durch die privatwirtschaftlichen Sender OL-Produktionen auszustrahlen respektive
auch entscheidend mitzufinanzieren.

Wenn der Wille bei den privatwirtschaftlichen Radio- und TV-Stationen nicht vorhanden ist, OL
freiwillig produzieren zu wollen, müssen sich die Veranstalter direkt bei den Sendern einkaufen. Dies
wird schon heute gemacht: Bisherige Übertragungen wie zum Beispiel die Live-Sendung des OLWeltcup-
Finals in Aarau auf dem regionalen Fernsehsender Tele M1 mussten vom Verein Swiss Cup,
dem Organisator der OL-Weltcup Wettkämpfe in der Schweiz, für 10'000 Franken eingekauft werden
und relativierten die zusätzlichen Sponsoreneinnahmen durch eine grössere Reichweite der Sponsoren
nicht. Dieser Schritt wurde unternommen, um den OL-Sport aus Goodwill einer breiten Öffentlichkeit
zugänglich zu machen. Wird die Initiative aber im kommenden März angenommen, wird auch genau
dieser Einkauf von Sendeplatz schwieriger. Noch mehr Sportveranstalter wollen respektive müssen
sich bei den privaten Stationen einkaufen, um ihren Sponsoren eine Plattform bieten zu können. Das
erhöht wiederum die Nachfrage und somit auch den Preis. Und mit einer reinen Übertragung im
Internet, wie sie beispielsweise via IOF-Live-Orienteering möglich ist, erreicht man nur die OL-Fans,
nicht aber die breite Öffentlichkeit, weil das Marketing ausserhalb der OL-Szene eines solchen
Angebotes viel zu teuer wäre.


Überlegungen im Bereich des Sponsorings

In der Werbelogik besteht die einfache Regel: Je grösser die Reichweite, desto grösser die
Werbeeinnahmen, die erwirtschaftet werden können. Die SRG bietet mit einem Marktanteil von rund
32 Prozent im Fernsehen, einer täglichen Reichweite von über 2,6 Millionen Menschen im Radio und
stark nachgefragten Audio- und Videoangeboten im Netz, eine interessante Plattform für
Werbetreibende und Sportler. Ohne diese Plattform könnten die benötigten Sponsoreneinnahmen für
einen Grossevent, wie die OL EM 2018 im Tessin, nicht generiert werden. Dies hat zur Folge, dass
solche Events in Zukunft – und ohne SRF – in einem wesentlich kleineren Rahmen durchgeführt werden
müssten, um nicht defizitär zu wirtschaften. Wie gross der Wert einer TV-Übertragung für einen
Sponsor ist, zeigt eine Studie des Hauptsponsors Nokian Tyres im Anschluss der OL WM 2016 in
Schweden. Nokian Tyres untersuchte die Sichtbarkeit ihrer Marke im Fernsehen und weiteren Medien
und bezifferte den Wert allein in Schweden bei über 100’000 Euro. In Anbetracht der Tatsache, dass
die Produktionen in Finnland, Norwegen, Dänemark und Estland live zu sehen waren und
Zusammenfassungen in weiteren 90 Ländern gesendet wurden, kann der TV-Gesamtwert auf etwa
250’000 Euro geschätzt werden. Wegen den sehr guten Zahlen hat sich dann Nokian Tyres Schweiz
auch entschieden, beim OL-Weltcup-Final in Aarau von 2016 als Sponsor aufzutreten.

Ein weiterer Verlust bei einer Annahme von No-Billag lässt sich nicht nur auf der Seite der
Organisatoren finden, sondern auch auf der Seite der OL-Eliteläuferinnen und -läufer: Es bleibt ihnen
eine weitere Möglichkeit verwehrt, sich vor einem grossen Publikum präsentieren zu können und so
ihren, von Sponsoren natürlich gern gesehenen, Bekanntheitsgrad zu vergrössern. Es macht es für sie
noch schwieriger, den OL-Sport auf professionellem Niveau zu bestreiten.


SRF als Sportförderer

Swiss Olympic beschreibt es in ihrem Positionspapier zusammenfassend sehr genau: Die SRG ist einer
der wichtigsten Sportförderer in der Schweiz. Sie trägt zur Förderung des Breitensports bei, bietet den
Randsportarten eine Bühne, sichert die Übertragungsqualität nationaler Sportveranstaltungen und
leistet eine wesentliche direkte und indirekte Unterstützung für Veranstaltungen, Athleten,
Sportverbände und - vereine. Dies gilt auch für den OL-Sport: Diese Abstimmung nimmt eine zentrale
Rolle ein, wie sich der mediale OL-Sport in der Schweiz in der Zukunft entwickeln kann – eine Zukunft,
auf die wir keinesfalls verzichten sollten und darum ein «NEIN» am 4. März 2018 im Sinne unseres
Sportes erfordert.

Lukas Schubnell, This email address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it.
TV-Verantwortlicher OL-Weltcup Schweiz/ EOC18

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